„Kalte Krieger“ mutet wie ein Experiment an. Nach den zwei ersten Bänden zu den „Zerrissenen Reichen“, die man im Großen und Ganzen der klassischen Fantasy zuordnen kann, legt Thomas Plischke mit diesem Roman etwas vor, das man fast als einen ganz normaler Thriller bezeichnen könnte, wenn da nicht die ganzen Verweise auf das Superheldengenre wären. Wer die X-Men und anderen Marvel-Comics kennt, wird die schnell finden.
Auch hier gibt es Menschen mit besonderen Fähigkeiten, auch hier versucht jemand, diese zu einem bestimmten Zweck zu sammeln. Doch niemand wird Thomas Plischke vorwerfen können, einfach aus verschiedenen Comics abgeschrieben zu haben. In „Kalte Krieger“ gibt es keine Capes und keine großen Kämpfe. Alles wirkt sehr viel realer und düsterer. Die Protagonisten sind keine Helden, sondern einfach nur Leute, die irgendwie versuchen, mit ihrem Leben klarzukommen.
Worum es geht
Amy ist eine Psychologie-Studentin aus Boston, die für ein Praktikum nach Maine kommt. Doch ihr Vorstellungsgespräch ist kaum beendet, als ihr neuer Chef Michael Beaumont sie bereits zum Fundort einer Leiche mitnimmt. Bei dieser handelt es sich nicht wie befürchtet um Nina, eine von Beaumonts Patientinnen, aber dafür gibt die Tote weitere Rätsel auf. Wie konnte diese junge Frau mitten im Juni im Wald erfrieren? Und wo ist Nina, die weiterhin verschollen bleibt?
Während Amy und Michael Beaumont zusammen mit dem Polizisten Bearson versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen, erfährt der Leser in Rückblickkapiteln immer mehr über Nina und die traumatischen Erlebnisse, die dazu geführt haben, dass sie sich in Therapie begeben musste. Natürlich steht beides miteinander in Zusammenhang, doch wie, das muss jeder selbst herausfinden.
Ein spannender Thriller
Auch wenn die Handlung keine allzu großen Überraschungen bereithält, ist sie dennoch spannend geschrieben. Man zittert um Nina und hofft für sie, dass das schreckliche Ereignis ausbleibt, von dem man weiß, dass es irgendwann kommen wird. Und man rätselt mit Amy über die seltsamen Todsfälle und darüber, wie diese miteinander in Zusammenhang stehen. Die Hintergründe, die sie nach und nach aufdeckt, fügen sich in ein Netz aus Verschwörungstheorien und historischen Fakten aus der Zeit des kalten Krieges. Nirgendwo erscheint etwas unpassend oder zu weit hergeholt.
Die Charaktere sind sehr detailliert ausgearbeitet, alle haben sie ihre Ecken und Kanten. Bei Amy und Nina – vor allem bei Nina – sind diese allerdings so stark ausgeprägt, dass es nicht einfach ist, sich mit ihnen zu identifizieren, es sogar teilweise schwerfällt, die beiden mit all ihren Macken zu mögen. Wer sich daran allerdings nicht stört, gewinnt Einblicke in die Probleme zweier sehr realistisch wirkender Charaktere.
Wie bereits erwähnt, sind die Charaktere keine Helden. Thomas Plischke ist die Darstellung von Menschen gelungen, die zwar besondere Fähigkeiten haben, aber dennoch ganz normal denken. Keiner von ihnen entscheidet sich spontan, neben seinem normalen Job auch noch nachts Verbrecher zu bekämpfen. Stattdessen arbeiten sie als Polizisten, Psychologen und Diplomaten und setzen ihre Fähigkeiten dabei so unauffällig ein, dass keiner es bemerkt.
Zusätzlichen Lesespaß bieten für alle, die sich im Superheldengenre auskennen, außerdem die bereits erwähnten Verweise, die man allerdings nicht finden muss, um die Geschichte zu genießen
Fazit: „Kalte Krieger“ eignet sich gut für alle, die gerne Thriller lesen. Es ist spannend geschrieben und lädt dazu ein, mit den Protagonisten über den Rätseln zu brüten, die es aufzudecken gilt. Zusätzlich ist der Roman sicher sehr interessant für alle Comic-Fans, die gerne einmal eine neue Herangehensweise an die Themen lesen möchten, die vor allem in den X-Men-Comics behandelt werden.