Ringboten auf der RingCon (wie passend) – Ein Bericht
Über die essentielle Bedeutung des Teppichbodens – Beobachtungen eines Newbies auf der RingCon 2006
Richtet man eine „Herr der Ringe“-Convention aus, sind viele Dinge zu beachten. Man muss mit Rednern und Stargästen verhandeln, Unterkünfte buchen und vieles mehr. Und man braucht Teppichböden. Warum? Follow me...
von Christian Humberg
Es ist Samstag um irgendwas kurz vor Mittag, draußen weht ein rauer Wind und dicke Regenwolken kündigen sich an. Vor mir an der Theke steht ein Furcht einflößender Ork von etwa 1,70 Meter Größe. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt zudem ein mit Nieten besetztes Hundehalsband und eben eine glatzköpfige, vernarbte und mit ordentlichen Hauern versehene Orkmaske. Ich sitze bereits seit einiger Zeit mit Klaus Bollhöfener und meinem Lektorenkollegen Hannes Riffel in den hinteren Ecken der Hotelbar des Fuldaer Esperantos, wo wir seit Stunden in einer spontanen „Redaktionssitzung“ und bei reichlich Gerstenbräu statt Mittagessen schicksalhafte Themen wie die kommende Ausgabe von „phantastisch!“, Boris Kochs aktuellen und sehr gelungenen „Shadowrun“-Roman sowie die Zukunft von „Perry Rhodan“ im Besonderen und des deutschen Fandoms im Allgemeinen durchaus engagiert erörtern. Nun ist es Zeit für eine weitere Runde Gerstenbräu – und am Tresen steht ein Ork. Kahlköpfig, schwarz, Respekt einflößend.
Mit seiner rechten Hand hält er ein Pappschild hoch, auf welchem „Free Hugs“ steht. Dann bestellt er sich ein Wasser. Wir ordern unsere Biere, und ich weiß plötzlich wieder einmal genau, warum ich solche Veranstaltungen liebe: deswegen nämlich. An derartigen Tagen imitiert das Leben die Kunst nicht, wie es das Sprichwort sagt, sondern es integriert sie. Klingonen auf dem Lokus, Elben in der Autogrammschlange und ein feuriger Balrog, der sich friedlich und zufrieden mit einem Pappteller voller Kartoffelsalat an einen der Stehtische in der Lobby verzieht. Auf Cons kein seltener Anblick. Hier ist das normal.
Überhaupt: die Kostüme. Zugegeben ist heute der 11.11. und bei mir zuhause in Mainz tanzt vermutlich just in diesem Augenblick der Bär beim alljährlichen Fastnachtsstartschuss, doch im Gegensatz zum närrischen Treiben in der Domstadt empfinde ich das kreative und liebevolle Bild der Conventionteilnehmer stets als alles andere als nervend. Was sich hier äußert, ist reine Liebe zum Material, Kreativität und Ideenreichtum. Sowie eine gehörige Portion Spaß und die Fähigkeit, sich und sein Hobby auch mal nicht ganz so ernst zu nehmen – das sind Eigenschaften des Phantastikfandoms, die man in anderen Hobbygruppen (etwa bei den närrischen Pappnasen, die zeitgleich und weit von uns entfernt wieder ihr „Ja, da simmer dabei“-Halali intonieren) mitunter vergeblich sucht. Irre ich mich oder habe ich auf der FedCon noch nie so viele Kostümierte gesehen?
In den Fluren, im Fahrstuhl, auf den Rängen des Hauptsaals – überall begegnen mir Hobbits und Rohirrim, Arwens und Galadriels unterschiedlichster Art, als sei ganz Mittelerde plötzlich und unvorbereitet tief in die hessische Provinz verlegt worden. Sogar eine tapfere Seele im „Star Trek“-Outfit ist darunter, ich fühle mich heimisch.
Zugegeben, ich bin spät dran: Seit Jahren schon richtet die FedCon GmbH, deren jährliches MediaCon-Event zu „Star Trek“ und anderen Phantastikfranchises ich bereits seit 1996 regelmäßig genieße und das aus meinem Jahreskalender nicht mehr wegzudenken ist, im Esperanto Fulda eine HdR-Con ähnlichen Ausmaßes aus. Und ich war noch nie zuvor da. Einer entsprechenden Einladung folgend, nutzte ich nun die Gelegenheit mich dort mit alten und neuen Bekannten zu treffen und mal zu schauen, was Dirk Bartholomä und „meine“ FedConler außerhalb ihrer „Star Trek“-Großveranstaltung noch so auf die Beine stellen.
Einiges! Es gibt Vorträge von Szenegrößen wie Friedhelm Schneidewind und Rainer Nagel, Kostümwettbewerbe und Livemusik, Autogrammstunden und sogar Autorenlesungen. Und ganz nebenbei und zwischendurch auch mal das ein oder andere Panel der Gaststars, Schauspieler aus den Kinofilmen von Peter Jackson. Überhaupt scheint mir als altem FedCon-Gänger hier die Gewichtung völlig anders zu liegen. Während beim Trektreffen die Frage-und-Antwort-Runden mit den Darstellern aus USA im Mittelpunkt des Programms stehen und man nur mit genauem Adlerblick auch mal andere Veranstaltungen im Plan der Aktivitäten findet, herrscht auf der RingCon das genaue Gegenteil vor: Rainer Nagel spricht über Tolkiens etymologische Einflüsse – und der Saal hängt an seinen Lippen. Stefan Servos erörtert anschaulich die einzelnen Religionsgemeinschaften Mittelerdes, und am Ende des Vortrags wollen sich seine Zuhörer mit ihm fotografieren lassen. Alexandra Velten studiert mit Freiwilligen eine Beowulf-Inszenierung ein (!) und bei Martin Sternbergs Vortrag über die Spuren des „Simarillions“ in „Der Herrn der Ringe“ ist der Saal so voll, dass die Leute noch reihenweise auf dem Fußboden sitzen. Die Schauspielerpanels sind zwar auch sehr gut besucht, passieren hier aber doch eher unter „Ferner liefen“. Warum ist das so?
Vermutlich liegt es in der Beschaffenheit der Zielgruppe begründet, legt mir der Blick durch die Säle und Gänge des Esperantos nahe. Ich kann mich irren, aber irgendwie scheint mir das Publikum auf der RinCon deutlich jünger. Kaum eine Elbin, die ich auf weit über 20 schätzen würde, und auch bei meinem kuschelbedürftigen Ork aus der Hotelbar bin ich mir nicht so sicher, wie viele Lenze er oder sie schon auf dem schwarz umhüllten Buckel hat. Und, das freut den Geek, ein Großteil der anwesenden Fans ist weiblich. Fans von phantastischen TV-Serien, und aus solchen rekrutiert sich das Auditorium der FedCon, sind passionierte couch potatoes. Die haben vermutlich mehr Spaß daran, zu sitzen und unterhalten zu werden, auch auf einer Con. Die „Herr der Ringe“-Fans hingegen scheinen mir aktiver zu sein, kreativer. Hier tummeln sich Rollenspieler und Filker, hier werden Tabletop-Turniere ausgetragen, und was auf der FedCon noch als Händlerraum voller überteuerter Merchandisingprodukte diente, ist nun zum reinsten Mittelaltermarkt mutiert. Auch das Hotelpersonal hat mitgedacht: Im Foyer kann man sogar Met kaufen.
Erst am späten Abend verlasse ich diese Veranstaltung und Fulda, kann mich nur schwer von der gleichzeitig vertrauten und doch völlig neuen Atmosphäre der RingCon trennen. Gerne würde ich 2007 wiederkommen, doch die nächste RingCon findet parallel zur Buchmesse und BuCon statt – warum eigentlich?! Und während mein ICE gemächlich durch das dunkle Hessen und gen Frankfurt zuckelt, fällt mir auf, dass ich Klaus‘ Insidertipp vom Vormittag unbewusst befolgt habe: Ich bin tatsächlich keiner Elbin auf die Schläppe ihres Kleides getreten. Und, wie ich hiermit gerne ergänze, auch keinem Hobbit auf die Zehen. Denn diese liefen ganz stilecht barfuß über das Gelände. Ernsthaft: Falls Ihr jemals eine „Herr der Ringe“-Convention ausrichten solltet, legt Wert auf einen guten Teppichboden!